Stärkste Leitzinserhöhung der kanadischen Zentralbank seit 1998

Um 1% hat die kanadische Zentralbank („Bank of Canada“ – „BoC“) gestern den Leitzins auf das höchste Niveau (2%) seit der Finanzkrise 2008 angehoben und wird damit zur entschlossenen Vorreiterin einer geldpolitischen Straffung unter den Zentralbanken der Industrieländer. Die Maßnahme signalisiert ihre Entschlossenheit, die aktuellen Verbraucherpreise in den Griff zu bekommen und gleichzeitig eine sich selbstverstärkende Inflation durch Konsumentenverhalten zu verhindern. Denn je länger die Inflation hoch bleibt, desto mehr verfestigt sie sich in den Köpfen der Menschen, wie in den “Stagflationsjahren” in den 1970er Jahren geschehen. 

Die kanadische Inflationsrate erreichte im Mai 7,7 %, die höchste seit 1983. Auch wenn der Zinsanstieg wenig dazu beitragen kann, den globalen Inflationsdruck aufgrund von Transportengpässen und steigenden Rohstoffpreisen einzudämmen, wird die heimische Nachfrage in Kanada abgekühlt, die aktuell von einem Mangel an Arbeitskräften und an vielen Gütern und Dienstleistungen geprägt ist. Eine Verlangsamung der Nachfrage ist aus Sicht der BoC notwendig, damit das Angebot aufholen und der Preisdruck nachlassen kann. Die Herausforderung der Zentralbank besteht in dem Finden der richtigen „Balance“, d.h. die Inflation abzusenken, ohne die Wirtschaft in eine Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit zu stürzen. Zwar erwartet sie keine Rezession in den nächsten zwei Jahren, aber einen deutlichen Rückgang des Wirtschaftswachstums in der zweiten Jahreshälfte und 2023, da eine hohe Inflation und höhere Kreditkosten die Ausgaben der privaten Haushalte und die Unternehmensinvestitionen reduzieren wird. 

Wie hoch die zukünftigen Zinsen in Kanada ausfallen werden, hängt von der Stärke des Immobilienmarktes, den Konsumausgaben und der Richtung der Inflation selber ab. Der Wohnungsmarkt als einer der zinsempfindlichsten Teile der kanadischen Wirtschaft scheint bereits zu reagieren. So sank die Zahl der Wiederverkäufe von Eigenheimen in Toronto im Juni im Vergleich zum Vorjahr um 41%, während der durchschnittliche Hauspreis vom Höchststand im März bis Juni um fast 10% gesunken ist. 

Des einen Leid ist des anderen Freud. Während sich die Kreditkosten für zahlreiche Marktteilnehmer auf der Finanzierungsseite deutlich erhöhen, freuen sich Anleger u.a. über stark gestiegene kanadische Festgeldkonditionen, die häufig als attraktiv verzinste Parkmöglichkeiten für liquide Mittel genutzt werden, um diese für den taktischen (Wieder)-Einstieg in die Kapitalmärkte zu nutzen.